22. Mai 2026

Daumenschrauben für den Live-Sektor? Das Parliament of Pop debattiert im Bundestag über die Zukunft der Livemusik

BERLIN – Am 20. Mai 2026 versammelte sich das „Parliament of Pop“ im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages zu einer hochbrisanten Debatte unter dem Titel „Ticketing Goes Bundestag“. Im Zentrum der Diskussion: Die Frage, wie fair und solidarisch die Live-Musik-Branche in Zeiten von Rekordgewinnen großer Konzerne und dem gleichzeitigen Clubsterben agieren kann – und ab wann die Politik regulierend eingreifen muss.

Der Live Music Fund auf dem Prüfstand: Scheitert die Freiwilligkeit?

Ein zentraler Programmpunkt der Veranstaltung war das Panel „A La Française: Ticket-Abgabe auch in Deutschland?“

Hier zog Felix Grädler, Initiator des Live Music Fund, eine ernüchternde Zwischenbilanz zum vor zwei Jahren gestarteten Projekts eines solidarischen Branchenmodell. Der optimistische Ansatz, dass die Live-Branche durch eine freiwillige bundesweite Selbstverpflichtungen und die Einführung eines „Live-Euros“ Gelder von den großen Playern zu kleineren Clubs umverteilen kann, hat sich seit der Verkündigung zum Kick-Of beim Reeperbahn Festival 2025  wenig bestätigt 

Felix Grädler spricht beim Parlament über den Live Music Fund, um die Live-Musik-Szene in Deutschland zu fördern und zu unterstützen.

Felix Grädler, Initiator des Live Music Fund, spricht während einer parlamentarischen Sitzung über die Bedeutung der Förderung von Live-Musik in Deutschland. (Bild: Screenshot)

Von 15 großen deutschen Veranstaltenden haben bis heute lediglich drei unterschrieben. Da das Modell in diesem Ratifizierungsabkommen jedoch erst in Kraft tritt, wenn mindestens 10 der 15 Branchenriesen zustimmen, herrscht aktuell Stillstand. Grädler betonte die Schwierigkeit, vor allem sehr große Partner in ein solches System zu integrieren.

Politik fordert „Daumenschrauben“ statt reiner Freiwilligkeit

Die Reaktion aus der Politik ließ nicht lange auf sich warten. Martin Rabanus (MdB, SPD) stellte sich im Verlauf des Panels klar auf die Seite einer stärkeren Regulierung. Reine Freiwilligkeit sei „zu wenig“, so Rabanus. Mit Verweis auf den Branchenriesen CTS Eventim und dessen operativen Millionengewinn argumentierte er, dass monopolistische Marktteilnehmer ohne gesetzliche Grundlagen keine ökonomischen Anreize hätten, freiwillig finanzielle Mittel abzugeben.

Martin Rabanus spricht bei einer Veranstaltung des Live Music Fund, im Hintergrund ein Fenster mit Blick auf die Stadt.

Martin Rabanus beim Austausch über die Bedeutung des Live Music Fund für die Förderung der Live-Musikszene. (Bild: Screenshot)

Als Vorbild nannte er die gesetzlich verankerte Filmabgabe. Rabanus betonte, dass die Politik nicht nur gut beraten, sondern „verpflichtet“ sei, Lösungen zu finden. Seine klare Botschaft an die Branche: „Meine politische Erfahrung ist, dass wir am Ende des Tages andere Daumenschrauben brauchen, damit die Dinge fliegen.“

An der intensiven Debatte beteiligten sich neben Grädler und Rabanus auch der Konzertagent Berthold Seliger, Sarah-Sophia Kucher (Uebel & Gefährlich) sowie Jens Ponke (Klubkomm).

Ein Abend im Zeichen des Ticketings: Die weiteren Themen des Abends

Das Parliament of Pop widmete sich neben der Ticket-Abgabe einer Vielzahl drängender Probleme der modernen Veranstaltungswirtschaft:

  • Eröffnung & „True Crime Ticketing“: Nach den Eröffnungsreden von Dr. Johannes Fechner (MdB) und Martin Rabanus führte Sylle Schreyer-Bestmann (CMS Hasche Sigle) in die rechtlichen Grauzonen und Missstände des aktuellen Ticketmarktes ein.
  • Regulierung des Zweitmarkts: Unter dem Titel „Regulierung Now“ diskutierten Johanna Bernklau, Nicole Jacobsen (MCT), Tatjana Halm (Verbraucherzentrale Bayern) und Christopher Annen (ProMusik/AnnenMayKantereit) über wirksame Maßnahmen gegen den oft überteuerten und spekulativen Ticket-Zweitmarkt.
  • Der Tankstellen-Ticket-Trick: Im Panel „TTT“ debattierten die Abgeordneten Hannes Heide (MdEP, digital), David Schliesing (Die Linke) und Sebastian Steineke (CDU) über politische Hebel gegen unfaire Vertriebsmethoden.
  • Faszination Sozial-Ticket: Zum Abschluss des inhaltlichen Programms beleuchteten Henriette Bauer (Bretford Booking & Label), die Musikerin Cosey Müller und Kiki Ressler (KKT) die Zugänglichkeit und soziale Gerechtigkeit von Kulturveranstaltungen durch vergünstigte Sozial-Tickets.

Fazit

Die von Isabel Roudsarabi und Manfred Tari moderierten Schlussworte machten deutlich: Die Debatte um den Schutz der Clubkultur und eine gerechte Verteilung der Branchengewinne hat endgültig die politische Bühne in Berlin erreicht. Für den Live Music Fund zeigt der Abend, dass der Kampf für ein solidarisches Ökosystem und nachhaltige Investitionen in den Nachwuchs des Livemusikmarktes fortgeführt werden muss. Im Zweifelsfall mit gesetzlicher Unterstützung.

Zum Nachhören: Die ganze Debatte zum Nachhören und -sehen auf YouTube findet sich hier. Der Redebeitrag von Felix Grädler startet um 1:08:52.

Die Pressemitteilung gibt es hier zum Nachlesen.

(Beitragsbild: Kevin Winiker)