Ein neues solidarisches System wirft Fragen auf. Und das ist auch richtig so!
In Gesprächen mit Veranstalter:innen, Clubs, Festivals und Partner:innen begegnen uns immer wieder ähnliche Fragen oder Aussagen. Wir möchten diese nicht abwehren, sondern offen beantworten: Denn nur durch Transparenz und ehrliche Diskussion entsteht Vertrauen.
„Eigentlich sind Staat und Länder für Kultur verantwortlich.“
Öffentliche Kulturförderung ist unverzichtbar. Aber sie allein reicht nicht aus. Staatliche Förderung ist: häufig zeitlich begrenzt, oftmals projektbezogen statt strukturell und abhängig von parteipolitischen Schwerpunktsetzungen
Der Live Music Fund will keine staatliche Verantwortung ersetzen, sondern eine Lücke schließen: Als branchengetragenes, dauerhaftes System, welches sich als Ergänzung zur öffentlichen Förderung versteht – unabhängig von Haushaltslagen und Wahlperioden.
Kurz gesagt: Kultur braucht weiterhin öffentliche Mittel und ergänzend solidarische Modelle aus der Branche selbst.
„Das kann man den Besucher:innen nicht zumuten, die Tickets sind doch eh schon so teuer.“
Konzertbesucher:innen sind preissensibel, aber sie sind nicht unsolidarisch.
Internationale Branchenerhebungen und Fanbefragungen (etwa aus dem Umfeld des Music Venue Trust in UK) zeigen, dass transparente, zweckgebundene Beiträge hohe Zustimmung finden können: Laut der „Music Fans’ Voice Survey 2025“ unterstützen 73 % der Befragten eine transparente, zweckgebundene „Restoration Levy“, auch wenn gleichzeitig 52 % Ticketpreise als Hürde benennen. (Music Fan’s Voice Survey 2025: https://musicfansvoice.uk/results-2025)
Ein Euro verändert für die meisten Ticketpreise nicht die grundsätzliche Kaufentscheidung, entfaltet aber große Wirkung, wenn viele mitmachen.
Wichtig ist die Haltung: Der Live-Euro ist nicht „noch eine Gebühr“, sondern ein Beitrag für die Orte, die Livemusik möglich machen und eine Investition der Branche in ihren eigenen Nachwuchs.
„Solange die genaue Verteilung nicht klar ist, mache ich nicht mit. Vielleicht wird sie unfair.“
Die Skepsis ist legitim. Aber: Fairness entsteht nicht durch Abwarten, sondern durch Mitgestalten.
Der Live Music Fund setzt von Beginn an auf:
- klare Förderlinien,
- unabhängige Fachgremien,
- transparente Kriterien und Berichte,
- und regionale Rückflüsse der Mittel.
Wer sich beteiligt, hat eine Stimme im Prozess. Wer wartet, überlässt die Gestaltung anderen. Ein solidarisches System wird nicht perfekt geboren. Es wird gemeinsam entwickelt.
„Ich mache nur mit, wenn die anderen auch mitmachen.“
Wenn alle warten, passiert nichts. Jede strukturelle Veränderung braucht erste Schritte, sichtbares Commitment und mutige Vorreiter:innen.
Gerade große und etablierte Akteur:innen profitieren langfristig von stabilen Clubs, funktionierenden Nachwuchswegen und vielfältigen lokalen Szenen.
Der Live Music Fund ist kein Wettbewerbsnachteil, sondern eine gemeinsame Investition in den Markt selbst.
Natürlich muss der Live Music Fund, wenn er erfolgreich sein will, eine breite Durchdringung in der Branche haben. Sonst wird sich das Konzept nicht lange halten können.
„Wir machen doch selbst schon so viel für Newcomer:innen und Nachwuchs.“
Das stimmt. Und genau darauf baut der Live Music Fund auf.
Viele leisten bereits enorme Arbeit:
- Sie buchen unbekannte Acts,
- tragen finanzielle Risiken,
- investieren Zeit, Geld und Know-how.
Das Problem ist nicht fehlendes Engagement, sondern dass diese Arbeit strukturell nicht abgesichert ist. Der Live Music Fund ersetzt bestehendes Engagement nicht, sondern verstärkt und stabilisiert es kollektiv.
Durch zusätzliche Mittel für die Branche, kann Nachwuchsarbeit auch in Krisenzeiten gesichert werden.
„Wenn ein Club Probleme hat oder schließen muss, macht er wohl keine gute Arbeit.“
Das klingt logisch. Ist aber in der Realität falsch.
Viele Clubs kämpfen nicht wegen schlechter Arbeit um’s Überleben, sondern wegen:
- explodierender Mieten,
- steigender Energie- und Personalkosten,
- extrem geringer Margen.
Selbst hervorragend geführte Clubs arbeiten oft am Limit.
Ein 500er Club kann sein Geschäftskonzept nicht skalieren oder mit dem Erfolg der Bands mitwachsen.
Strukturelle Probleme sind kein Qualitätsurteil.
Sie sind das Ergebnis eines Marktes, in dem kultureller Wert und wirtschaftliche Realität auseinanderdriften.
„Wenn ein:e Künstler:in Unterstützung braucht, ist die Arbeit einfach nicht gut genug und er taugt nicht für den Markt.“
Das ist eines der hartnäckigsten Missverständnisse. Fast jede erfolgreiche Karriere beginnt in kleinen Clubs, mit Verlusten und mit Unterstützung durch Szenen und Strukturen.
Können alleine reicht nicht. Karrieren brauchen: Bühnen, Zeit, Entwicklung und auch Räume zum Scheitern.
Ohne Förderung gäbe es kaum eine der heutigen großen Karrieren.
Der Live Music Fund produziert keine Erfolge. Er schützt die Voraussetzungen, unter denen Qualität entstehen kann.
„Wir können uns eine Abgabe in den Fund aktuell nicht leisten.“
Sowohl die freiwilligen Spenden in der Startphase als auch der spätere 1-Euro-Beitrag pro Ticket sind so konzipiert, dass er transparent auf das Ticket aufgeschlagen und hauptsächlich von den Besucher:innen getragen wird.
Damit fließt zusätzliches Geld in die Musikbranche, das es ohne den Live Music Fund nicht gäbe. Der Fund ist also nicht zwingend eine Umverteilung innerhalb des Marktes, sondern eine gemeinsame Investition des Publikums in die Zukunft der Livemusik.
Unser Fazit
Livemusik ist kein reiner Leistungsmarkt. Sie ist ein kulturelles Ökosystem.
- Qualität entsteht nicht im luftleeren Raum.
- Nachwuchsarbeit ist keine Wohltätigkeit, sondern Investition.
- Strukturen scheitern nicht, weil Menschen schlecht arbeiten, sondern weil sie allein gelassen werden.
Der Live Music Fund ist kein Zwang, keine moralische Keule und kein Schnellschuss.
Er ist eine Einladung hierzu:
- Verantwortung teilen
- Strukturen sichern
- Zukunft ermöglichen
Nicht alles ist von Anfang an perfekt.
Aber Nichtstun wäre die schlechtere Option.