26. September 2025

„Imagine Togetherness“ – Keynote von Berthold Seliger auf dem Reeperbahn Festival

Im Rahmen des Panels Imagine Togetherness – Wie wir die Zukunft der Livemusik sichern auf dem Reeperbahn Festival 2025 hielt Berthold Seliger, Musikmanager, Autor und eine der profiliertesten Stimmen der Branche, die Keynote.

Schon während der Diskussion sprachen viele Teilnehmende von einer „Mic Drop“-Rede – und tatsächlich: Seligers Worte bündelten die aktuellen Herausforderungen der Livemusikbranche, die zentrale Rolle von Clubs und unabhängigen Spielstätten, und die Notwendigkeit neuer solidarischer Finanzierungsmodelle.

Wir bedanken uns herzlich bei Berthold Seliger für diese eindrucksvolle Rede und empfehlen allen, die nicht vor Ort waren, sie hier vollständig nachzulesen.

hier gibts die Rede im Orginal auf der Seite von Berthold Seliger

 

„Imagine Togetherness“ – Keynote von Berthold Seliger auf dem Reeperbahn Festival 2025

Keynote von Berthold Seliger, Panel „Imagine Togetherness – Wie wir die Zukunft der Livemusik sichern“
Reeperbahn Festival, 19. September 2025


Warum sind Clubs, Venues, Kulturzentren, aber auch unabhängige Konzertveranstalter:innen so wichtig?

In den Clubs und Spielstätten schlägt das Herz der Pop- und Zeitkultur!
Clubs, kleine und mittlere Venues sind der Humus der Live-Szene, sie sind essentiell für das Konzert-Ökosystem.

Ohne kleine Clubs und Venues, ohne unabhängige Veranstalter:innen, die an neue Bands, an junge Musiker:innen, an den langfristigen Künstleraufbau glauben und darein investieren, ist die Livekultur langfristig zum Tode verurteilt (und sie riecht jetzt schon ziemlich schlecht, um ein Wort Frank Zappas zu verwenden).

Schon immer haben Musiker:innen und Bands in den Clubs, in kleinen Venues ihre Karrieren gestartet, organisiert von unabhängigen Veranstaltern, die vor allem eines hatten: den unbedingten Glauben an gute, an neue Musik!

Ob die Rolling Stones, die einen ihrer ersten Auftritte im Londoner „Marquee Club“ absolvierten, 2 × 30 Minuten, GBP 2 Gage (das wären heute 53 GBP, ca. 63 € – soviel zu der Aussage „früher war alles besser in der Konzertszene…“), oder Tom Jones, der seine Karriere in einem walisischen Arbeiterclub begann, oder Paul Weller und The Jam, die ihre ersten Auftritte in dem örtlichen Arbeiterclub hatten, in dem Paul Wellers Vater Mitglied war, der ihnen dann erste Tourneen durch befreundete Arbeiterclubs organisierte.

Auch heute noch lassen sich die meisten Karrieren von Rock- und Popbands auf Auftritte in Clubs und Tourneen durch Clubs, kleine und mittlere Venues und Kulturzentren zurückdeklinieren – auch wenn es heute einige andere Karrierebeispiele gibt, vor allem solche von Kinderstars aus der Disney-Welt oder dem Kinderfernsehen, zum Beispiel Miley, Selena, Sabrina, Olivia, Justin, Britney oder Nina.


Doch es wäre falsch, die Wichtigkeit von Clubs und Venues nur aus einer Art Ausbildungsstätte für Musiker:innen herzuleiten. Ebenso wichtig ist, dass Clubs, Venues oder Kulturzentren zu den raren Begegnungsstätten gehören, in denen Menschen gleichberechtigt und selbstbestimmt und jenseits von kommerziellen Interessen ein Gemeinschaftsgefühl erleben können.

Sie sind Möglichkeitsräume, „sound houses“ (Francis Bacon vor 400 Jahren in „Neu-Atlantis“, 1624), utopische Orte, die uns beweisen, dass die Welt ein besserer Ort sein kann als der, den wir vorfinden, wenn wir unsere Clubs und Venues, unsere „sound-houses“ verlassen.

Und im Jahr des 100. Geburtstags von Gilles Deleuze kann man Clubs und unabhängige Spielstätten vielleicht auch als eine Art „Wunschmaschine“ bezeichnen, weil sie eben ganz im Deleuz’schen Sinn „nicht-linear“ und vor allem „nicht-hierarchisch“ funktionieren, als ein ungeheures, vielfältiges Wurzelgeflecht im Untergrund. „Outside the society“ (Patti Smith), aber gleichzeitig ein essentieller Teil der Society.

Die Clubkultur ist im besten Sinn eine „Grassroots-„, eine „Graswurzel-Kultur“.„Free music in a capitalist society“ (Iggy Pop).


Die Bedrohung der Clubkultur

Allerdings: Clubs, Venues, unabhängige Veranstalter stehen mit dem Rücken zur Wand. Die Clubkultur ist in ihrer Existenz gefährdet.

Fast zwei Drittel der Spielstätten sehen sich aufgrund der wirtschaftlichen Situation gezwungen, ihre Programmplanungen anzupassen – bereits heute bedeutet das: Nachwuchsförderung ade, riskante Konzerte fallen weg, weil sie sich nicht mehr finanzieren lassen.

Im letzten Jahr haben 46 Prozent der Clubbetreibenden in Berlin angegeben, dass ihre Lage wirtschaftlich schwierig ist. Fast die Hälfte der Clubs zieht in Erwägung, im nächsten Jahr die Türen zu schließen. Das wären dann tatsächlich die härtesten Türen Berlins…

Überlegt euch mal, was in der Politik, in den Medien, in der Öffentlichkeit los wäre, wenn die Hälfte der Theater, der Opern- und Konzerthäuser angeben würden, dass sie vielleicht nächstes Jahr schließen müssen…

Für Clubs, Venues und unabhängige Veranstalter dagegen ist dieser Existenzkampf fast schon systemisch.

Die Popkultur, die Zeitkultur ist immer noch, nach sechs Jahrzehnten, das ungeliebte und häufig vernachlässigte Stiefkind der Kulturförderung.


Was tun?

Eine „Ticket-Tax“ wie in Frankreich einrichten, eine Steuer also? Kommt eigentlich nicht in Frage, weil im deutschen Abgabenrecht Steuern einfach den öffentlichen Haushalten zugutekommen – sie würden der Live-Kultur nicht weiterhelfen.

Die Bundesstiftung LiveKultur hat einen „Live Music-Fonds“ vorgeschlagen, der – ähnlich wie der britische Music Venue Trust – Clubs, kleinere Spielstätten, Kulturzentren und unabhängige Veranstalter:innen absichert und mithin auch Pop- und Zeitkulturkünstler:innen jenseits der Star-Ebene hilft.

Der „Live Music-Fonds“ ist ein wichtiger erster Schritt. Allerdings bin ich skeptisch, ob wir uns wirklich auf Freiwilligkeit verlassen sollten, uns mit Micro-Funding, also quasi mit Almosen begnügen, die die Großkonzerne des Konzertgeschäfts entrichten.

Und ich denke, die Fans sollten nicht zusätzlich belastet werden, die zahlen ohnehin schon verdammt viel für ihre Tickets. Wir benötigen doch das genaue Gegenteil: Die Fans müssen real entlastet werden!


Abgaben dagegen werden nur für eine individuelle Gegenleistung erhoben und fließen denjenigen zu, die den Zweck der Abgabe erfüllen. Beispielsweise die Abwasserabgabe, die wir alle für das Einleiten von Abwasser in Gewässer bezahlen mit dem Ziel der Verbesserung der Wasserqualität. Oder der Rundfunkbeitrag, eine öffentliche Abgabe, die an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gezahlt wird.

Was wir also benötigen, ist eine verpflichtende Ticketabgabe bei allen Konzerten ab einer gewissen Größenordnung.

Mein Vorschlag wäre eine verpflichtende Ticketabgabe auf alle Konzerttickets, sagen wir ab 50 Euro, (zum Beispiel 1 Euro, das könnte dann gestaffelt weiter steigen bei höheren Ticketpreisen), und zwar von den sogenannten Ticketingdienstleistern zu entrichten – also nicht von den Fans, sondern von den Ticketing-Konzernen, die einen gewissen Teil ihrer beträchtlichen, sagen wir ruhig: ihrer skandalös hohen Ticketgebühren abgeben müssten.

Zugunsten der Live-Musik-Szene. Gewissermaßen solidarisch finanziert von denen, die vom Konzertboom überproportional profitieren, also von denen, die mit den Großkonzerten ihrer Superstars Superprofite einstreichen.

Das ist der eigentliche Charme dieser Idee, der Charme einer Ticketabgabe: Dass die Ursprungsidee aller Popkultur der 1960er Jahre, nämlich Solidarität, die Idee der „Community“, der Gemeinsamkeit zumindest ein kleines bisschen zurückgeholt wird in die Wirklichkeit des Konzertgeschäfts unserer Zeit.


Denn eines ist klar: Die Ticketing-Konzerne machen geradezu unanständige und vor allem weitgehend leistungslose Profite mit ihren Gebühren.

CTS Eventim hat gerade für die erste Jahreshälfte 2025 ein „Allzeithoch beim Umsatz im Ticketing“ bekanntgegeben. Und einen gewaltigen Profit: Während die Bruttomarge, also flapsig gesagt die Profitrate im Bereich „Live Entertainment“ nur noch 3,8 Prozent beträgt, wurde beim Ticketing eine Profitmarge von über 40 Prozent erreicht.

166,8 Millionen Euro Profit mit Ticketing in nur einem halben Jahr!

Und dieser Riesen-Profit beim Ticketing ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel: Die Bruttomarge beim Ticketing schwankt beim CTS Eventim-Konzern zwischen 40,1 und 60,5 Prozent. Auch bei Ticketmaster, der Tochter des weltgrößten Konzert-Konzerns Live Nation, liegt die Profitquote beim Ticketing bei über 30 Prozent.

It’s the ticketing, stupid!


Natürlich ist solch eine Ticketabgabe nicht die eierlegende Wollmilchsau der Konzertszene. Sie ist lediglich ein Schritt hin zur Absicherung unabhängiger Kulturarbeit. Weitere Schritte müssen folgen:

  • die Aufwertung von Clubs und Venues zu Kulturstätten
  • ein gesetzlicher Kulturraumschutz

Der Wert der kulturellen Vielfalt

Doch es gibt noch einen anderen Aspekt, warum die Clubkultur, die Zeitkultur so wertvoll ist für unsere Gesellschaft und wir für ihren Erhalt kämpfen müssen.

Es geht um kulturelle Vielfalt, um den Erhalt der kulturellen Vielfalt unserer Gesellschaft.

Und „kulturelle Vielfalt“, das ist kein Begriff für Sonntagsreden von Politiker:innen, sondern das ist eine Grundbedingung für alle Gesellschaftlichkeit.

Vor mehr als einem Jahrzehnt hat der französische Philosoph Étienne Balibar sein Buch „Gleichfreiheit“ veröffentlicht. Er vertritt darin die These, dass „Freiheit“, also der Grundmythos aller westlichen Demokratien, nur dann wirklich zum Tragen kommt, wenn auch Gleichheit herrscht.

Also nicht die liberale Verkürzung der Freiheit auf Marktbeziehungen, sondern tatsächlich verwirklichte „Gleichheit“: Eben „Gleichfreiheit“, „égaliberté“.


Davon ausgehend scheint mir, dass wir auch den Begriff der „kulturellen Vielfalt“ erweitern müssen:

Wir sollten darunter nicht nur eine größtmögliche Vielfalt aller kulturellen Angebote unserer Gesellschaft verstehen, sondern auch dafür sorgen, dass ein größtmöglicher Teil unserer Gesellschaft auch tatsächlich in der Lage ist, diese kulturellen Angebote wahrzunehmen.

„Kultur für alle“ also (Hilmar Hoffmann). Eine kulturelle Gleichvielfalt, wenn man so will.


Segregation in der Musiklandschaft

In unserer Gesellschaft wie auch in der Realität der Konzertszene herrscht heute das Gegenteil, nämlich eine immense Segregation.

  • Eine extreme Segregation innerhalb der Musiker:innen (Alan Krueger, 2017): Gerade einmal ein Prozent aller Musiker:innen erzielt 60 Prozent aller weltweiten Konzerteinnahmen, und die oberen fünf Prozent der Performer:innen generieren 85 % aller Konzerteinnahmen. → Für die unteren 95 % aller Musiker:innen bleiben gerade einmal 15 % aller Konzerteinnahmen übrig.
  • Eine Segregation innerhalb der Fans: Teure Ticketpreise von mehreren Hundert Euro schließen von vornherein viele Fans von der Möglichkeit aus, bestimmte Konzerte zu besuchen, also von der Möglichkeit kultureller Teilhabe.

Und die Fans, die dann die Großkonzerte besuchen, werden nochmal getrennt: Vorne stehen für etliche Hundert, zum Teil sogar für Tausend Euro und mehr diejenigen, die sich das leisten können: die „happy few“, die „band of brothers“ (Shakespeare), die Bruderschaft der Wohlhabenden und Reichen.

Und diejenigen, die sich das nicht leisten können, müssen halt hinten stehen oder sitzen, weit weg von der Bühne, auf schlechten Plätzen. Pech gehabt.


Die Qualität der Clubs

Dagegen: Eine der vielen Qualitäten der Clubs, der Konzerte in kleineren und mittleren Spielstätten, ist ja gerade: Hier sind wir immer noch gleich, hier herrscht noch Demokratie, hier haben alle den gleichen Eintrittspreis bezahlt.

Wir können selbst entscheiden, ob wir vorne in der ersten Reihe oder lieber mittendrin oder hinten oder an der Seite stehen wollen – hier wird das Versprechen der Pop- und Zeitkultur immer noch und immer wieder verwirklicht:

  • Diversität und Austausch
  • Solidarität
  • ein wirkliches Miteinander
  • die Euphorie bei einem tollen Konzert oder wenn der Dancefloor abhebt
  • „Community“ – eine Gemeinschaft von Gleichen unter einem Groove

Und für die Verwirklichung, für den Erhalt dieser konkreten Utopie müssen wir weiterkämpfen: Eben – Imagine Togetherness!