Dies ist der Auftakt einer dreiteiligen Reihe: Wir erklären die Ausgangslage und Notwendigkeit des Live Music Fund, im nächsten Beitrag das Modell des Live Music Fund – und schließlich, wie ihr Teil davon sein könnt.
Die Livemusik steht an einem Wendepunkt: Während Mega-Events Rekorde brechen, geraten kleine Bühnen und Nachwuchskünstler:innen unter Druck. In unserer neuen Beitragsreihe fragen wir: Ist ein Solidaritätsfonds der Schlüssel, um das Gleichgewicht wiederherzustellen? Der Live Music Fund Germany will genau das ermöglichen – solidarisch, nachhaltig, aus der Szene heraus.
Die Schere zwischen Superstars und Nachwuchs
Die Pop- und Livemusikbranche erlebt derzeit eine paradoxe Entwicklung: Auf der einen Seite feiern Superstars riesige Erfolge mit ausverkauften Stadiontourneen und Rekordumsätzen, auf der anderen Seite kämpfen kleine Clubs, Nachwuchskünstler:innen und unabhängige Veranstalter:innen ums Überleben.
Im jüngsten GEMA-Bericht zu den Konzertzahlen 2024 wird sichtbar, wie massiv sich die Schere geöffnet hat. Bezüglich der Auswertung von Konzerten im U-K-Tarif wird berichtet: “Vor allem die Großkonzerte boomen”.(1) 250.238 Konzerte fanden 2024 in Deutschland statt und dabei war zu beobachten, dass sowohl bei der Anzahl der Großkonzerte, die über 50.000 Besucher:innen zählten, als auch bei den Konzertbesucher:innen selbst gegenüber dem Vorjahr ein Zuwachs von über 50% zu verzeichnen ist.
Allerdings, so die GEMA weiter: “Der differenzierte Blick auf das Konzertjahr 2024 zeigt: Die kleinen Konzerte sind das Rückgrat der deutschen Musiklandschaft. Fast 230.000 der insgesamt 250.000 Konzerte finden vor maximal 500 Besuchern statt.”(2) Die LiveMusikKommission bezeichnete diese Zahlen als “alarmierend”, aber warum? “Im Cluster „bis 500 Besucher:innen“ liegt die durchschnittliche Besuchendenzahl pro Konzert bei nur rund 122 Personen – deutlich unter einer wirtschaftlich tragfähigen Auslastung. Man könnte also auch sagen, dass die Live-Landschaft aus Grassroot-Konzerten besteht, bei denen niemand ausreichend verdient.”(3)
Die Folge: Tourneen junger Bands werden mangels Vorverkauf abgesagt, kleine Konzerte finden teils gar nicht mehr statt – ein Teufelskreis, denn so können sich Newcomer:innen kein Publikum aufbauen. Das bezeichnet Karsten Schölermann, Vorstand der Bundesstiftung LiveKultur, als gefährliche Schieflage: “Die Stars von morgen stehen in den Clubs von heute – aber genau dort fehlen die Mittel, um Risiken einzugehen und Newcomer:innen zu fördern.“(4)
Die Autoren Benjamin Fischer und Philipp Kron sprechen im Beitrag “Panorama der Clublandschaft” beim Deutschen Musikinformationszentrum über den gestiegenen Kostendruck in der Branche und formulieren eine “Preissensibilität” von Konsument:innen bezüglich kleinerer Konzerte gegenüber großen Stadionkonzerten, für die dreistellige Ticketpreise gezahlt werden.(5)
Kostendruck und finanzielle Schieflage
Nach der pandemiebedingten Durststrecke sehen sich Clubs und Veranstalter mit explodierenden Ausgaben konfrontiert: Betriebskosten, Mieten, Gagen und Energiepreise sind im zweistelligen Prozentbereich gestiegen, wie die LiveKomm(6) bereits im April letzten Jahres zum Club- und Festivalmonitoring meldete: “Insbesondere deregulierte Gewerbemieten (48,5 % der Spielstätten) und steigende Gagenforderungen (70 % der Befragten) setzen den Musikspielstätten zu.”(7) Als Folge davon können die Musikspielstätten deutlich weniger Nachwuchskünstler:innen eine Bühne bieten. “Während früher lukrativere Konzerte die defizitären Auftritte von Newcomern auffingen, funktioniert eine solche Mischkalkulation mittlerweile nicht mehr. Die Stars von morgen finden hier und heute keine Bühnen mehr”, so die LiveKomm.(8) Aber – wie es die Tagesschau im September 2025 auf den Punkt brachte: „Der Kulturbetrieb lebt vom Nachwuchs und von Vielfalt. Wenn aber die Basis wegbricht, […] steht irgendwann auch der Mainstream ohne Nachwuchs da.”(9)
Was also tun?
Nach der Politik rufen? Oder selbst tätig werden? Welche Beispiele gibt es schon? Nun, es gibt zwei Beispiele, die wir hier kurz anreißen: Den Liveline Fund in Großbritannien und die Ticket Tax in Frankreich. Zwei unterschiedliche Modelle – das Modell aus UK als Brancheninitiative und mit freiwilliger Abgabe; in Frankreich ist die Ticket Tax bereits seit 1985 eine staatlich geregelte Abgabe.
In den letzten Wochen wird in den deutschen Medien erneut intensiv über das britische Modell eines Konzertticket-Solidarbeitrags diskutiert, mit dem die lokale Musikszene gefördert werden soll (https://livelinefund.uk/ und www.musicvenuetrust.com – Der Liveline Fund ist eine Initiative von Music Venue Trust und Save Our Scene, mehr Infos unter https://livelinefund.uk/ ). In Frankreich gibt es bereits seit 1985 eine ausgewiesene Ticket-Steuer.
>> Hier lest ihr die die Mitteilung des Creative Industries Minister Sir Chris Bryant
Auch in Deutschland diskutiert man nicht erst seit Ende der Corona-Pandemie vermehrt über politische Unterstützung. Branchenverbände wie LiveKomm und der BDKV fordern etwa steuerliche Erleichterungen, Bürokratieabbau oder direkte Förderprogramme für Clubs und kleine Festivals. Einige Bundesländer haben bereits Club-Förderprogramme gestartet, doch flächendeckend ist das Problem noch nicht gelöst. Immerhin wurde die Bedeutung der Clubkultur als Kulturgut erkannt: bereits 2021 einigten sich die demokratischen Parteien im Bundestag fraktionsübergreifend darauf, Clubs als Kulturorte anzuerkennen.(10) Doch angesichts der wirtschaftlichen Schieflage scheint vielen klar: Ohne einen größeren Wurf wird es nicht gehen. Die Frage ist, ob die Politik proaktiv handelt oder erst reagiert, wenn die Verluste offensichtlich werden.
Solidaritätsfonds: Von den Großen für die Kleinen
Eine vielversprechende Lösung nach dem UK-Vorbild ist ein branchengetragener Solidaritätsfonds – gewissermaßen eine Versicherung der Großen zugunsten der Kleinen. Die Idee: Bei jedem verkauften Ticket ab einem Endpreis von 30 Euro fließt ein kleiner Betrag – z.B. 1 Euro – in einen Fonds, aus dem kleine Bühnen, Nachwuchskonzerte und lokale Veranstalter:innen unterstützt werden.
Was nach einem bescheidenen Beitrag klingt, könnte in Summe Millionen generieren, die gezielt die Grassroots-Livemusik stärken: Mit 730.000 Konzertbesuchen in 2024 alleine bei Adele hätte München über 365.000 € für die lokale Musikszene generieren können – ohne Steuergelder, allein durch solidarisches Wirtschaften innerhalb der Branche. Dieses Prinzip „von den Großen für die Kleinen“ wurde beim Reeperbahn Festival 2025 intensiv diskutiert und traf einen Nerv in der Branche.(11) Denn es adressiert genau das Ungleichgewicht, das viele als Kernproblem sehen: Ein Teil der gigantischen Erlöse von Mega-Events wird umverteilt, um die Basis der Musikpyramide zu stützen.
Getragen wird der Live Music Fund in Deutschland durch die Bundesstiftung LiveKultur. Seit 2024 arbeiten die Initiator:innen an der Umsetzung und mit dem Start zum 1. Januar 2026 wird aus der Idee erstmals ein realer Hebel. „Der Live Music Fund Germany soll mehr als nur eine Unterstützung bieten – er ist ein Statement für die Zukunft der kulturellen Vielfalt“, erläutert Felix Grädler, Vorstandsmitglied der Bundesstiftung LiveKultur und Initiator des Live Music Fund. Die Stiftung begrüßt das britische Vorbild ausdrücklich und sieht es als Motivation, eine eigene Lösung voranzutreiben.(12) Jüngst hat der Bayerische Rundfunk auch darüber berichtet.
Über 50 Unterstützer:innen haben sich bereits gefunden: Ticketing-Unternehmen, Veranstalter:innen und Musikverbände.
Natürlich wirft ein solcher „Ticket-Soli“ Fragen auf: Wie genau ist das Modell aufgebaut? Wie kann man mitmachen? Wie stellt man sicher, dass das Geld fair verteilt wird? Wie verhindert man Mitnahmeeffekte? Und wie reagiert das Publikum auf einen möglichen Ticket-Aufpreis?
Wir beantworten diese und weitere Fragen in unserem nächsten Newsbeitrag! Wenn ihr weitere Fragen habt, sendet diese gerne an kontakt@livemusicfund.de
(Bild: Kevin Winiker)
- https://www.gema.de/de/aktuelles/song-economy/konzerte-in-deutschland-2024, letzter Zugriff am 10.11.2025
- https://www.gema.de/de/aktuelles/song-economy/konzerte-in-deutschland-2024, letzter Zugriff am 10.11.2025
- https://www.livemusikkommission.de/konzert-zahlen-2024-mega-events-boomen-clubkonzerte-stagnieren/, letzter Zugriff am 10.11.2025
- https://www.backstagepro.de/thema/gema-live-report-2024-kleine-konzerte-unter-druck-mega-shows-boomen-2025-05-15-cHDqlfKQYT, letzter Zugriff am 10.11.2025
- vgl. https://miz.org/de/beitraege/panorama-der-clublandschaft, letzter Zugriff am 10.11.2025
- vgl. https://www.livemusikkommission.de/livekomm/schwerpunkte/, letzter Zugriff am 13.11.2025
- https://www.livemusikkommission.de/wp-content/uploads/2025/04/PM_Mieten-Produktions-und-Betriebskosten-%E2%80%93-Kleine-Buehnen-stehen-mit-dem-Ruecken-zur-Wand.pdf, letzter Zugriff am 10.11.2025
- https://www.livemusikkommission.de/pressemeldung-katerstimmung-statt-freudenjubel-kostendruck-droht-die-livemusik-szene-zu-ersticken/, letzter Zugriff am 1.11.2025
- https://www.youtube.com/watch?v=v0zG0i5lrh8, Tagesschau24 vom 19.09.2025, letzter Zugriff am 10.11.2025
- https://www.livemusikkommission.de/clubs-als-kulturorte-auch-vier-jahre-nach-der-parlamentarischen-weichenstellung-fehlen-entsprechende-reformen/, letzter Zugriff am 13.11.2025
- https://www.bundesstiftung-livekultur.org/live-music-fund-auf-dem-reeperbahn-festival-vorgestellt/, letzter Zugriff am 13.11.2025
- https://www.bundesstiftung-livekultur.org/live-music-fund-auf-dem-reeperbahn-festival-vorgestellt/, letzter Zugriff am 10.11.2025
